Die Wirtschaftskrise am Beispiel einer Kneipe

  • Kurze Erklärung von Derivatenanleihen

    Fiktive Geschichte, aber so nahe an der Wahrheit, daß es fast weh tut.

    Helen ist Inhaberin von einem Pub in Liverpool. Sie weiß, daß fast alle ihre Kunden arbeitslose Alkoholiker sind und es sich als solche nicht mehr leisten können, ihren Pub zu besuchen. Um dieses Problem zu lösen, kommt sie mit einem neuen Marketing-Plan heraus, nämlich daß ihre Kunden jetzt trinken können, aber erst später zahlen. Sie protokolliert die Getränke in einem Hauptbuch (wodurch sie den Kunden ein Darlehen gewährt, welches diese natürlich sofort konsumieren).

    Die Nachricht macht die Runde über Helen's "Jetzt trinken, später zahlen" Marketing-Strategie und als Folge kommen immer mehr Kunden in Helen's Pub, wie eine Flut. Bald hat sie das größte Verkaufsvolumen für jeden Pub in Liverpool ...

    Indem sie ihren Kunden die Freiheit von sofortiger Bezahlung gewährt, gibt es für Helen auch keinen Widerstand, wenn sie in regelmäßigen Abständen ihre Preise für die am meisten konsumierten Getränke Bier und Lagerbier erhöht. Als Folge steigt Helen's Bruttoumsatz massiv an.

    Ein junger, dynamischer Bankdirektor bei der örtlichen Bank erkennt, daß diese Schulden der Kunden wertvolle zukünftige Vermögenswerte darstellen, und erhöht Helen's Kreditrahmen. Er sieht keinen Grund für eine übermäßige Besorgnis, da er die Schulden der arbeitslosen Alkoholiker ja als Sicherheit hat.

    In der Bank-Zentrale transformieren die Profihändler diese Kundenkredite in ALKIBONDS und PUKEBONDS (frei übesetzt Dröhnungs- und Kotze-Aktien). Diese Wertpapiere werden dann gebündelt und an den internationalen Wertpapiermärkten gehandelt. Naive Anleger können nicht wirklich verstehen, daß hier Wertpapiere verkauft werden, die als AAA-Anleihen bezeichnet sind, aber in Wirklichkeit nur die Schulden von arbeitslosen Säufern sind.

    Dennoch, die Aktienkurse steigen kontinuierlich, und die Wertpapiere sind bald die Spitzenprodukte für einige der landesweit führenden Aktienhäuser.

    Eines Tages, obwohl die Preise der Anleihen immer noch klettern, entscheidet ein Risiko-Manager bei der ursprünglichen lokalen Bank, daß die Zeit gekommen sei, um die Zahlung der Schulden durch die Trinker in Helen's Pub einzufordern. So informiert er Helen.

    Helen verlangt nun die Zahlung von ihren alkoholkranken Kunden, aber als arbeitslose Alkoholiker können die nicht ihre Trinkschulden zurückzahlen. Da Helen nun ihre Verbindlichkeiten nicht erfüllen kann, muss sie Konkurs anmelden. Die Kneipe schließt und die elf Leute Tresenpersonal verlieren ihre Jobs.

    Über Nacht erleiden ALKIBONDS und PUKEBONDS Kursverluste von 90%. Das zusammengefallene Anlagevermögen vernichtet die Liquidität der Banken und verhindert damit die Vergabe von neuen Darlehen und Krediten, der gesamte Wirtschaftskreislauf des Staates bricht zusammen.

    Die Lieferanten von Helen's Pub hatten großzügige Zahlungsfristenn gewährt und hatten die Pensionsfonds ihrer Firmen in den verschiedenen BOND Wertpapieren investiert. Sie sehen sich mit der unvermeidlichen Abschreibung ihrer uneinbringlichen Forderungen konfrontiert, aber auch mit dem Verlust von vermutlich über 90% des Wertes jener Anleihen. Helen's Brauerei geht in Konkurs, und damit muss ein Familienunternehmen schließen, das seit drei Generationen der Lager Lieferant der Kneipe war. Die Firma wird von einem Mitbewerber übernommen, der die lokale Brauerei aber sofort schließt und deren 150 Mitarbeiter auf die Straße setzt.

    Glücklicherweise wurden jedoch die Bank und die Brokerhäuser und ihre jeweiligen Führungskräfte von deren Kumpanen in der Regierung gerettet, durch eine bedingungslose Multi-Milliarden-Pfund Kapitalspritze. Die für diese Rettungsaktion erforderlichen Mittel werden als neue Steuern erhoben, zu zahlen von arbeitenden Mittelklasseleuten und Nicht-Trinkern, die niemals in Helen's Pub waren.

    Alles klar?

    Einmal editiert, zuletzt von Johannes Grabsch (25. August 2010 um 07:37)