50 Jahre Dampfmodellbahnen in Deutschland - was war damals los?

  • Ab und zu lohnt es sich, auch mal in die Vergangenheit zurückzublicken. Daraus kann man ableiten, was wir heute erreicht haben.

    Es fing mit einem kleinen Inserat in Heft Jan/Feb 1967 der Zeitschrift 'moderne eisenbahn' an. Da stand zu lesen : "Erfahrungsaustausch! Wer baut ebenfalls Garten-Dampfbahnen 1:16 ? M. Knupfer ...". Im Heft Mai/Juni 1967 der gleichen Zeitschrift veröffentlichte Herr Wehrfritz das Bild seiner "Pacific" in Spur 7½ Zoll (Rohgussteile aus USA, Bau made in Germany). Dieses Bild war der Anlaß für die Herren Pönitz aus Bremen und Husemann aus Bielefeld, Verbindung mit Herrn Wehrfritz aufzunehmen. Man kam überein, weitere Gleichgesinnte zu suchen und Herr Pönitz gab in Heft Juli/Aug 1967 eine Anzeige auf: "Freunde dampfbetriebener Modelloks für Gartenbahnen. Ernsthafte Interessenten werden um Anschrift gebeten. Geplant ist Aussprachetreffen über Spurweiten, Materialbeschaffung usw. Vorgesehener Treffpunkt Bielefeld."
    Auf der gleichen Seite stand eine weitere Anzeige von Herrn Knupfer: "Dampf-Gartenbahn-Freunde! Firmen! Verlage! Unser Interessentenkreis vergrößert sich zusehends. Neue Freunde wollen beraten werden. Viele Fragen lassen sich gemeinsam lösen! Bitte monatliches Freundes-Rundschreiben mit Informationen,Tips, Anschriften anfordern. M. Knupfer". Beginnend im August 1967 verschickte Herr Knupfer an anfangs 22 Dampfbahnfreunde Rundschreiben, in denen er Anschriften neuer Dampfbahnfreunde, Beschaffungshinweise und sonstige Tips vermittelte.
    Über die Inserate kamen die Dampfbahnfreunde aus dem Süden und Westen Deutschlands zusammen. Beide Inserenten hatten Antworten aus allen Teilen Deutschlands erhalten. Es wurde daraufhin ein Treffen für den 24.September 1967 in Bielefeld vereinbart, an dem die Herren Carter, Feldmann, Grosse-Holtfort, Hausser, Hempel, Husemann, Pöge, Pohl und Pönitz teilnahmen (M. Knupfer konnte nicht dabei sein). Die Diskussion ergab, daß sich die Besprechungsteilnehmer schon einige Zeit mit dem Dampflokmodellbau beschäftigt hatten, ohne voneinander zu wissen. Es waren zum Teil schon Modelle fertig und betriebsfähig, das meiste aber noch im Bau oder in der Planung. Man war sich einig, daß für einen Clubbetrieb eine Normung der Spurweiten erforderlich war.
    Der Erfolg von Bielefeld ermunterte Manfred Knupfer, regelmässige Treffen der Dampfbahnfreunde zu veranstalten. Er schlug für 1968 als Tagungsort Baierbach am Simssee (Bayern) vor, weil dort der aus den USA in seine Heimat zurückgekehrte Paul Reithmaier eine 120 Meter lange Rundstrecke mit 3½ Zoll-Spur erbaut hatte und für organisatorische Rahmenbedingungen gesorgt war. Das Treffen am Simssee war ein voller Erfolg. Es nahmen 70 Dampfbahnfreunde teil (bei insgesamt ca. 400 Besuchern) und es konnten 7 fertige Dampfloks gezeigt werden.

    Beispielhaft sollen folgende Bilder zeigen, was da gefahren wurde:

    Lok 9000 von Paul Reithmaier


    55 2502 von und mit Manfred Knupfer


    Englische Pacific von Peter Feldmann

    Die gezeigten Loks waren für Spur 3-1/2" /89 mm, die Gleise waren aufgeständert.

    Bald entstanden Gleisanlagen bei neu gegründeten Dampfbahnclubs. Die Spurweite 5"/127mm setzte sich bald durch. Die neuen Gleisanlagen wurden ebenerdig verlegt. In den späteren Jahren kamen immer mehr Fahrzeuge für die 7-1/4"/184mm Spur auf. Inzwischen gibt es rund 30 Dampfbahnclubs in Deutschland.

    Übrigens : in England und den USA war das Dampfbahn-Hobby bereits in den Dreissigerjahren stärker verbreitet. Aber da hatten die Menschen in Deutschland andere Probleme.

    Gerhard

  • Hallo zusammen,

    in dem Zusammenhang fällt mir wieder ein Beitrag aus dem Märklin Magazin aus den Jahren 1967 oder 1968 ein. Da ging es um ein Livesteam Modell einer pr. S9. Ich war damals ca. 10 Jahre alt und wusste mit einem solchen Modell nichts anzufangen, das war für mich zu abstrakt, eine Modelllok die richtig mit Kohle und Dampf fuhr. Für mich gabs zu der Zeit nur die HO Bahn.
    Das Heft ist bei mir leider verloren gegangen, vielleicht gibts hier noch jemanden, der mir eine Kopie zur Verfügung stellen kann. Es gibt ja in der Lokliste eine pr. S9, aber die ist Bj. 1987.
    Mit dem Livessteamvirus wurde ich 1978 infiziert, als ein DBC Jahrestreffen in Netphen-Deuz besuchte.

    Viele Grüße

    Mathias

  • Hallo Mathias,

    die seinerzeit mit viel Presse-Tamtam von einer Firma angebotene Lok wurde bei einem Käufer zum Desaster. Die Lok hatte viele Macken und konnte nicht in Betrieb genommen werden. Es wurde viel Geld versenkt. Danach hat man nichts mehr davon gehört.

    Gerhard

  • Hallo Dampfbahngemeinde

    Die von euch beschriebene preußische S9 wurde von der Fa. Wolfrum aus Frankfurt am Main im Jahr 1966 / 67 gebaut und in verschiedenen Zeitschriften vorgestellt. Mein Schwiegervater Peter Feldmann hat diese Lokomotive von H. Wolfrum gekauft. Die Lok kam als ein riesiger Trümmerhaufen in Bielefeld an.
    Die Schäden entstanden durch eine unzureichende Sicherung der Lok in der Versandkiste. Die Bilder die ich habe sind richtig schlimm. Ein Rechtsstreit entwickelte sich der zu Gunsten meines Schwiegervater entschieden wurde. Mit der Hilfe von H. Husemann aus Bielefeld wurde die Lok wieder betriebsfähig aufgebaut.
    Inder Zwischenzeit wurden im Garten bei Feldmanns Schienen verlegt. Ein Kreis von ca. 90m ( berechnet und geliefert durch Fa. Wolfrum). Es stellte sich heraus das die Lok nicht in der Lage war durch die zu kleinen Radien zu fahren. ( Fehler v. Fa. Wolfrum. )
    Die preußische S9 wurde umgebaut zu einer S4. Das heißt das die Lok gekürzt wurde. Der Rahmen wurde abgeschnitten. Die Schleppachse entfernt. Ein neuer kürzerer Kessel gebaut. Der zu lange Kessel mit all seinem Zubehör wurde an einen Modellbaufreund in Oberursel bei Frankfurt weiter gegeben worden. In Oberursel entstand dann in den folgenden Jahren eine neue S9. Meine Frau und ich haben die Lokomotive auf dem DBCD Treffen 2013 in Kassel gesehen .
    Der Erbauer ist leider auch schon verstorben aber die Lok befindet sich in eine funktionsfähigem Zustand.
    Unser S4 begeisterte jahrelang die Besitzer Familie in Bielefeld.
    Nach dem Tod meines Schwiegervaters wurde die Lok samt meiner Frau nach Hamm umbeheimatet. Nach vielen schönen Fahrtagen erlitt die Lok 2014 einen nicht reparablen Kesselschaden. Die S4 wird zur Zeit neu aufgebaut. Dauer aber noch ein Weilchen.
    Ich hoffe ich konnte zu der Geschichte der Preußischen S9 in 7 1/4 Zoll etwas beitragen.
    Ich hoffe das meine Bilder die ich hochladen will auch sichtbar sind-

    So ich gehe jetzt weiter basteln.
    MfG Martina u.Knut Lipsmeier

  • Hallo Gerhard,
    noch vielen Dank für den interessanten Rückblick.
    Was ich mich in diesem Zusammenhang frage, wie sieht wohl der Blick nach vorne aus? Sind wir Dampfmodellbahner eine aussterbende Zunft? In den von dir geschilderten Zeiten haben noch unvorstellbar viele junge Männer einen technischen oder handwerklichen Beruf von der Pieke auf gelernt. Die Zeiten haben sich in nur einer Generation grundlegend verändert. Gibt es in den nächsten Jahren noch genügend junge Männer, die das Handwerkszeug mitbringen und sich auch um so olle Kamellen wie einem Dinosaurier aus dem vorletzten Jahrhundert, einer Dampflokomotive, zu interessieren. Wer tut sich das noch an und stellt Projekte von solch einer Größe mit 2.500 Stunden Aufwand her?
    Wenn man sich auf Messen, Ausstellungen und Veranstaltungen umsieht, ist das Durchschnittsalter doch eher bedenklich. Wie sieht das der langjährige Kenner und Fachmann der Materie?
    Auch die Meinungen anderer Dampflokfans ist von großem Interesse.
    Nachdenkliche Grüße
    Gerhard P

  • Hallo

    wir sind so lange eine aussterbende Art, wie wir uns im Kämmerlein einschließen.

    Damit wir im Verein unter den Aktiven mehr Junge als Alte haben, müssen wir Alte von unserem hohen Roß herabsteigen und dem Nachwuchs den Regler der teuren Lok in die Hand geben.

    Nur Zusehen und Drecksarbeit machen ist kein Anreiz zu unserem Hobby zu kommen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Thomas

  • Hallo,

    ich denke, das das Hobby über kurz oder lang aussterben wird

    - weil unsere Zeit immer schnelllebiger wird und Ergebnisse immer schneller vorliegen müssen
    - immer weniger Leute wissen, das es Dampflokomotiven mal gab , geschweige denn , wie sie funktionieren
    - das oder die erforderlichen Handwerke seltener gelernt werden, es findet eine Verlagerung von den "klassischen" Handwerksberufen zur Elektronik hin statt , heute gibt es z.B. keine KFZ Mechaniker mehr, sondern Mechatroniker, in " klassischen" metallverarbeitenden Berufen ist das nach meiner Beobachtung ähnlich, die heutige Generation lernt manuelles drehen und fräsen nur noch rudimentär, dafür können knapp 20 jährige Bearbeitungszentren im Wert von mehreren Hunderttausend Euro ohne Probleme programmieren
    (der nächste Schritt mit 3 d Druck ist schon absehbar)
    - der Platzbedarf für eine entsprechend eingerichtete Werkstatt nicht unerheblich und zumindest in Ballungsräumen nicht oder nur eingeschränkt zu beschaffen ist
    - die erforderlichen Maschinen auch nicht ganz billig sind
    - die Möglichkeiten, das Hobby auszuüben, stark eingeschränkt sind

    usw, es gibt m. E. noch viele weitere Gründe

    Alles in allem schade, aber wohl nicht zu ändern

    Gruß Kourosh

  • Hallo,

    Ich denke, dass unser Hobby in absehbarer Zukunft bleiben wird.

    Meine Argumente und Beobachtungen:

    - Die Konstruktion einer Lok wird mit den heutigen 3D Programmen viel einfacher!

    -Neue Fertigungstechniken (Laserschneiden, 3D Druck) vereinfachen den Bauprozess

    -Die Umstrukturierung der Industrie mit immer mehr "Outsourcing" erleichtert den Zugang zu Lohnfertigern

    -"Maker Space" in größeren Städten erleichtert dem Anfänger den Zugang zu Werkzeugmaschinen

    -Der gegenüber früher grössere Bekanntheitsgrad der Gartenbahnen (zumindest außerhalb des Südwestens) bringt mehr Interessierte an unserem Hobby

    -Wenn ich bei öffentlichen Fahrtagen die leuchtenden Augen der Kinder sehe, bin ich sicher das bei einigen die das dauerhafte Interesse geweckt ist.

    -Das zunehmende Interesse an "einfacher" begreifbahrer mechanischer Technik als Gegenbewegung zur immer weniger komplizierteren heutigen Technik

    Natürlich wird sich einiges änderen


    Gruss


    Joachim

  • Hallo Dampfbahner,
    ich glaube auch nicht das unser Hobby ausstirbt. Alleine wenn man hier im Forum liest, kommt immer wieder ein Neuer hinzu. Wie schon andere vor mir geschrieben haben werden sich die Arbeitsmethoden ändern. Daß tut unserem Hobby aber keinen Abbruch. Was den Platzbedarf einer Werkstatt angeht, sind hier die Vereine gefordert, nicht nur Kinderlesfahren für die Vereinskasse, sondern auch in anständige Vereinswerkstätten investieren. Die alten Schrauber müssen auch ihr Wissen weitergeben und das Fingerspitzengefühl "vererben". Vielleicht sollte man nicht jede Lok versilbern, sondern an den Nachwuchs weitergeben. Wenn man hier behutsam vorgeht, wird so eine Lok mehr geliebt, wie von seinem Erbauer. Was nützt eine Lok vom Opa die in irgendeiner Ecke vergammelt oder von ominösen Händlern als Nachlass gediehlt werden. Wir Alten müssen die Begeisterung für die Technik weitergeben und nicht nur meckern oder kretisieren, wenn was nicht stimmt. Auch ein ICE wird mal irgendwann ein Oldtimer sein.
    Grüße
    Wolfgang

    † 2017

  • Hallo zusammen,
    werden wir Dampfbahner aussterben oder geht es mit unserer Handwerkskunst weiter wie bisher? Die Meinungen und Vorstellungen gingen ja weit auseinander.
    Thomas meint dazu: „Runter vom hohen Ross und die Jugend nicht nur die Drecksarbeit machen lassen“. Klingt einsichtig, aber wie locke ich sie aufs Gelände, zuerst einmal muss ich doch die Begeisterung wecken.
    Kourosh meint dazu: „… ich denke, dass das Hobby über kurz oder lang aussterben wird“ mit mehreren guten Argumenten begründet, die ich (leider) Punkt für Punkt genau so sehe.
    Joachim meint dazu: „… dass unser Hobby in absehbarer Zeit bleiben wird“. Seine Argumente kann ich nur zum kleinen Teil nachvollziehen. Die Konstruktion wird mit 3-D immer einfacher. Da stimme ich zu, aber was nützen die supertollsten Zeichnungen, die frei im Raum schweben und sich auf wundersame Weise in alle Richtungen drehen lassen (macht zweifellos Eindruck und sieht sehr gut aus), aber wenn kein einziges Stückchen auf die Werkbank zu liegen kommt? Fast jeder kennt die abwertende Berufsbezeichnung „Powerpoint-Ingenieur“, Vorzeigen ist die eine, Vorweisen die andere Version und eben die ist auch im Modellbau doch die bedeutendere. Auch der Aufwand, zeitlich wie finanziell, wird wohl völlig unterschätzt. Maker Space in größeren Städten - in den paar Stunden - in der man sich da einmieten kann, das ist wohl ein Tröpfchen auf das heiße Blech, schon bald ist das Budget mehr als überreizt. Das Gleiche zum Thema Lohnfertigen, also nur noch für wenige Wohlhabende? In dieser Preisklasse wären da noch Balson und Zimmermann, aber zurück zur Praxis und zum Selbermachen, es geht immerhin um ca. 2500 Stunden, in der man dranlangen muss und das mit Initiative und großem praktischem Sachverstand.

    Grüße
    Gerhard

  • Hallo Dampfbahnergemeinde

    Mein Vorredner schrieb: "Die Konstruktion wird mit 3-D immer einfacher. Da stimme ich zu, aber was nützen die supertollsten Zeichnungen, die frei im Raum schweben und sich auf wundersame Weise in alle Richtungen drehen lassen (macht zweifellos Eindruck und sieht sehr gut aus), aber wenn kein einziges Stückchen auf die Werkbank zu liegen kommt?"

    Das Argument leuchtet mir nicht ganz ein, denn um etwas auf die Werkbank zu bringen, bedarf es doch mindestens einer Skizze. Daher kann die Zeichnung, egal wie sie erstellt wird, nicht der ausschlaggebende Grund sein. Ich sehe die Herausforderung eher in der Frage begründet, wie ein nachhaltiges Interesse für den Dampfmodellbau geweckt werden kann verbunden mit der Motivation, Möglichkeiten der modernen Medien mit altem Handwerk zu verknüpfen. Solange es interessanter ist, sich ausschließlich Videos über fertige und betriebsbereite Modelle auf den verschiedensten Kanälen anzusehen, wird man keinen Nachwuchs auf einem Vereinsgelände oder in einer Werkstatt finden.

    Hanno

  • Hallo in die Runde,

    ich befürchte, der Hund liegt noch weit tiefer begraben:

    Wie viele Väter basteln mit ihren kleinen Kindern oder kaufen ihnen z.B. Metallbaukästen, mit denen man sich kreativ betätigen kann, nicht nur vorgefertigte Teile aus dem Kasten nehmen, das einzige daraus mögliche Produkt zusammensetzen und für immer in die Ecke werfen? In wie vielen Haushalten gibt es überhaupt noch grundlegendes Handwerkzeug? Wie viele Lehrer vermögen im Werksunterricht (so es ihn überhaupt noch gibt) die Kinder für manuelle Tätigkeiten zu begeistern?

    Überall jammert man (zumindest in Tschechien) über fehlende Fachkräfte für jegliche fertigende Betriebe. Die meisten Kids kennen nichts anderes als Handys und Rechner, befriedigen ihren Tätigkeitsdrang mit Computerspielen und wissen gar nicht, wie Hammer und Zange aussehen. Solange da in der Bildungspolitik keine grundlegende Wende eingeleitet wird und alle Lehrziele nur auf den Aufstieg zur nächsten (Aus-)Bildungsstufe ausgerichtet bleiben, ist kaum etwas anderes zu erwarten. Dass bei der heutigen Ausbildungswut und Titelinflation die Qualität der Kenntnisse und vor allem Fertigkeiten bei einem gewissen Schulabschluss immer mehr den Bach runtergeht, scheint niemanden zu jucken. Früher war bei einem Hochschulabsolventen eine recht hohe Intelligenz zu erwarten, einfach nur deshalb, weil die wenigen verfügbaren Studienplätze vorrangig den besten vorbehalten waren. Dass seitdem der Prozentanteil der Bevölkerung mit IQ über sagen wir 140 in gleichem Maße zugenommen hätte wie die Zahl der Hochschulabschlüsse, wage ich guten Gewissens zu bezweifeln. Die Folgen kann sich bestimmt jeder vorstellen.

    Entschuldigt bitte, sollte ich hier schon zu weit ausgeholt haben...

    Gruß
    Kristian

  • Hallo zusammen,

    das gefällt mir, jetzt wird es tiefgründiger und das Thema wird mit dem notwendigen Ernst, den die Sache verdient, diskutiert.

    Hanno meint dazu:

    „Das Argument leuchtet mir nicht ganz ein, denn um etwas auf die Werkbank zu bringen, bedarf es doch mindestens einer Skizze. Daher kann die Zeichnung…“selbstverständlich vollkommen richtig aber nur die Hälfte des Problems.

    Ich habe geschrieben: …. aber wenn kein einziges Stückchen auf die Werkbank zu liegen kommt? Das ist doch die Satzaussage. Es kommen doch keine Teile auf die Werkbank. Der allergrößte Teil der heutigen Modellbau - „Konstrukteure“ baut gar nicht oder kann überhaupt nicht mehr handwerklich was herstellen. Das „Praktische“ hat unglaublich und viel zu stark an Bedeutung verloren und wird vielfach von oben herunter beurteilt. Frage dich mal unter jungen Studenten um. Wer interessiert sich für Fertigungstechnik, wer hat schon mal eine Fräs- oder Drehmaschineaus der Nähe gesehen, nicht bei you-tube sondern in einer Werkstatt? Das Ergebnis wird dich erschrecken! Nur noch Theorie. Jetzt werden wir nicht lange warten müssen und die Meinung: Das braucht man heute überhaupt nicht mehr wird mit Überzeugung vorgebracht werden. Aber dann läuft wieder Mal ein Thema aus dem Ruder.


    Zu 100% unterschreibe ich (dieses Mal) die treffenden Argumente von Kristian und dass er zu weit ausgeholt hat will ich strikt verneinen. Da braucht es keine Entschuldigung - Volltreffer!


    Grüße

    Gerhard

  • Hallo,

    ich sehe auch als Problem , das die "Fertigungskette " heute im Kleinen wie im Großen sehr weit diversifiziert ist:
    Konstruktion findet, wie Gerhard richtig schreibt, heute am Rechner statt, die Datei wir , meistens per Mail, an einen Prototypenbau geschickt und dort findet die Herstellung statt.
    Vorbei die Zeiten, das der Konstrukteur zumindest das erste Funktionsmodell selber gebaut hat..
    Und viele derjenigen, die all die schönen Bearbeitungszentren von Berufs wegen programmieren, machen in ihrer Freizeit lieber etwas anderes, als wieder Maschinen programmieren.

    Gruß Kourosh

  • Hey Dampfbahner,

    wenn Ihr das Problem doch alle wie Ihr hier seit bereits erkannt habt, warum fängt dann keiner an Ideen zu entwickeln, die dem entgegen wirken.
    Mir tendiert das hier viel zu sehr in die Richtung "Ich weiß auch was, alles wird schlechter." als in die Richtung "... und daher habe ich folgendes dagegen unternommen:"

    Hanno

  • Ich denke, in 2-3 Jahren stehen die ersten 3D-Metallsinteranlagen auch bei Kleingewerbetreibenden im Nebenerwerb. Kurz darauf wird es vermutlich die ersten kleingewerblichen Angebote auch an spanender Nacharbeit geben.

    Damit sollte es also in vielleicht 5 Jahren ab heute deutlich günstiger und zeitsparender möglich sein, original- und detailgetreue Modelle zu bauen.
    (Oder muß man wirklich z.B. eine Turbogenerator-Attrappe aus Röhrchen und Drehteilen mühsam aber ohne jeglichen Funktions-Nutzen hart zusammenlöten???)

    Vielleicht haben ja in 5 Jahren auch die ersten Dampfbahnvereine 3D-Metallsinteranlagen in ihrer Werkstatt stehen... das könnte dann auch Jugendliche anlocken, die "eigentlich nur mal eben" irgendwelche Zierteile für ihre Mopeds oder sonstwas machen wollten - Technologiebedarf im privaten Rahmen als neuer Zugangsweg zur Dampfloktechnik... ;)

    OK, das war jetzt nicht so pessimistisch wie viele Vor-Schreiber vor mir...

    Wie heist jemanndt mitt ein Stöckchen in Popöchen? "Darm-Pflock-Führer"!

    ValveGear Constructor - Dampflokomotivgestänge halbautomatisch auslegen lassen und/oder auf weitere Zielwerte optimieren - in Sekunden, nicht in Tagen!

    Niederstrasser, "Leitfaden für den Dampflokomotivdienst" - Download
    Garbe, "Die zeitgemässe Heissdampflokomotive" - Download
    "Theoretisches Lehrbuch des Lokomotivbaues" - Download

  • Hallo zusammen,
    Gerhard hat eigentlich schon die Antwort gegeben: 2500 h wollen investiert werden, bevor ein Modell fertig ist. Bevor es die ersten Bewegungen aus eigener Kraft macht, bevor man ein richtiges Erfolgserlebnis hat, vergeht mehr als die Hälfte dieser Zeit. So ein Erfolgserlebnis ist wirklich schneller und einfacher am PC zu holen und günstiger ist es obendrein zu haben. Die Zeiten haben sich geändert, alles ist schnelllebiger. Jahre lang an einem Modell zu arbeiten, das fällt vielen schwer. Dazu braucht es eine ganz tiefe Begeisterung für die Materie:
    Um das Hobby interessant zu machen, hilft wirklich den Nachwuchs an den Regler zu lassen. Seit dem mich Gerd in Sinsheim das erste Mal an einen Regler gelassen hat, war der Wunsch gefestigt, dass ich auch so eine Dampflok möchte. Sich im Internet die Dinge anzusehen ist schön. Selbst am Regler zu sitzen ist unglaublich. Nachdruck verliehen haben Gerald (GeGa) und Heinrich vor ein paar Jahren. In meiner Jugend haben mich die Anschaffungskosten für die Werkzeugmaschinen auf den Boden der Tatsachen gebracht. So haben die finanziellen Mittel nur für eine Tischdrehbank und zwei Jahre später für eine Fräsmaschine gereicht. So bin ich beim Maßstab 1:32 gelandet. Aber auch das wäre wohl gescheitert, wenn ich nicht meine Mentoren gehabt hätte. Mir wurde sehr geduldig alles gezeigt und mir unter die Arme gegriffen. Zu diesen habe ich im Lauf der Jahre eine richtige Freundschaft entwickelt. Es braucht eben auch Menschen, die einem den Umgang mit den Maschinen zeigen, Tricks und Kniffe. Nicht zuletzt braucht man auch einiges an Wissen in der Konstruktion, das die "alten Hasen" auch weitergeben sollten. Die schönste Konstruktion bringt nichts, wenn sie nicht funktioniert (da gab's doch mal einen Hersteller, der....). Hilfestellung ist eben auch wichtig, sonst wird das Hobby schnell frustrierend und wird dementsprechend auch leichter wieder aufgegeben.
    Gerhards Aussage, dass nur noch Theorie vermittelt wird, muss ich als Student einerseits bestätigen, andererseits verneinen. Es kommt drauf an, was man als Student macht. Einerseits spielt die Wahl eine Rolle. Wie es an der Uni aussieht, weiß ich nicht. An den Hochschulen sind immer Labore, die normalerweise auch regelmäßig im Studium besucht wurden. So habe ich im Laufe des Studiums immer wieder Versuche selbst machen dürfen, wodurch vieles verständlicher war als auf einer Powerpoint vorgetragen. Wenn man an Projekten mitarbeitet, wie dem häufig vorhandenen Formula-Student, hat man auch die Gelegenheit an den Werkzeugmaschinen zu stehen und Teile zu fertigen, anzupassen oder nachzuarbeiten.
    Die Industrie bildet ihre Lehrlinge so aus, wie sie deren Fertigkeiten brauchen. Da kaum noch konventionelle Maschinen im Einsatz sind, sind die "Jungen" eben fit im Programmieren der CNC. Wäre das nicht so, würdet ihr relativ bald schimpfen. Stellt euch vor, der Mechaniker hat keine Ahnung von Elektronik und kann deshalb euer Auto nicht reparieren...darum ist er eben Mechatroniker.

    Viele Grüße
    Janosch

    Edit: Ob das Studium oder allgemein die Ausbildung früher wirklich mehr "Praxis" im zerspanungstechnischen Sinne enthielt? Hier gibt es doch sicher ältere Ingenieure, die dazu etwas sagen können. Worin äußert sich, dass früher die Ausbildung "besser" war?

    Der Langsamste, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert, geht immer noch schneller als der, der ohne Ziel herumirrt (Gotthold Ephraim Lessing)

    3 Mal editiert, zuletzt von Janosch (11. Februar 2017 um 09:48)

  • Jetzt gebe ich auch mal meine Senf dazu, da meine Mitstreiter und ich seit einiger Zeit aktiv am Thema arbeiten:
    Das sich die Zeit ändert liegt in der Natur der Sache.
    Viele Kinder und Jugendliche begeistern sich z.B. schon für die Eisenbahn. Aber eher für die modernen Fahrzeuge der Epochen V und VI, sowie noch die Epoche IV.
    Wie wirkt man also dem ausbluten der Vereine und damit den Fahnenträgern der Hobbys entgegen?
    Durch das aktive Erkennen der Zeit, nicht durch den verklärten Blick zurück.

    Und nur soviel: Es funtioniert...
    Nicht unmittelbar nur am Fuhrpark festgemacht.
    Vielmehr an der Infrastruktur, die unter Einbindung modernster Techniken wie rechnergestützte und interaktive Stellwerkstechnik, bedienbar über Tablet, Smartphone dank App auch die größten Computernerds begeistern kann. Und darüber führen wir sie auch zu den alten Techniken zurück weil sie erkennen, das dass eine nicht ohne das andere kann ;)
    Zudem toben sie sich im Winter an unseren Modellbahnen aus, hier können sie schon heute voll digital unter zuhilfenahme der besagten Medien Eisenbahn spielen und programmieren.

    Und noch ein Tipp an meine Generation, weil es doch leider immer wieder auffällt:
    Nicht sofort bei der kleinsten Anäherung mit dem erhobenen Zeigefinger die Kids wegschicken und ihnen sagen, das sei nichts für sie und angefasst wird schon gar nicht...
    Leider ist das äusserst kontraproduktiv fürs Hobby.
    Gleich welches es ist ;)

  • Das sich die Zeit ändert liegt in der Natur der Sache.
    Viele Kinder und Jugendliche begeistern sich z.B. schon für die Eisenbahn. Aber eher für die modernen Fahrzeuge der Epochen V und VI, sowie noch die Epoche IV.


    Hallo Andreas,

    ursprünglich ging es doch eigentlich darum, was aus der Technik der alten Dampfeisenbahn einmal wird. Nachwuchs-Dampflokbauer zu finden und zu fördern. Das handwerkliche Können, die Begeisterung dafür zu wecken. Dass die Kinder gerne mit leuchtenden Augen und Papas 2,50€ ne Runde im Kreis fahren und Spaß daran haben zweifelt doch niemand an. Ob die gute alte Dampflok Zukunft hat und wer sich dafür einsetzt, war doch, wenn ich mich recht erinnere gefragt. In unserer schnelllebigen Zeit keiner mehr Geduld und Muße aufbringen kann und will. Bei den Conrad-Teile-Besteller-und-zusammen-Löter, die in wenigen Wochen was auf’s Gleis stellen, oder die jenigen die fertige Loks kaufen, da brauchen wir uns alle sicherlich keine Sorgen machen, diese werden mehr und mehr. Das alles erscheint mir etwas oberflächlich und kurz gedacht und auch etwas am Thema vorbei. Fast wie bei der stillen Post, kaum drei Schritte weiter kommt man vom Ursprungsthema ab.
    Und noch ein Punkt, sicher mache ich mir keine Freunde, auch bei der jungen Mutti nicht, wenn ich den Jüngling darum bitte nicht am Rangiertritt meiner 5-Zoll-Lok rumzureißen. Bei einer Feldbahn-Strüver von einer viertel Tonne Gewicht ist man da etwas großzügiger, auch der Mutti gegenüber, oddr?
    Grüße
    Gerhard